Bericht von der Fachkonferenz am 9. Mai 2012

Gebärdensprachübungen in Schulen und Kindergärten.
Am 9. Mai 2012 wurde eine Fachkonferenz zum Thema „Gebärdensprachübungen in Schulen und Kindergärten“ durchgeführt. An der Konferenz nahmen über 100 Interessenten teil, der Vorstand und viele Mitglieder des Gehörlosenverbandes, Mitarbeiter des Projekts MOGIS beim Verband, Fachpersonal von der Behörde für Schule und Berufsbildung BSB ebenso wie von der Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration BASFI, der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband Hamburg, freie Träger für Erziehung und Ausbildung, Erzieherinnen und Lehrerinnen, Fachkräfte der Universität Hamburg und die Senatskoordinatorin für die Gleichstellung behinderter Menschen in Hamburg. Bei der Fachkonferenz folgten drei Themenbereiche nacheinander, die Ergebnisse des Projekts MOGIS, Befunde von wissenschaftlicher Seite über bilinguales Lernen und Überlegungen zur Förderung von Gebärdensprachübungen in der Zukunft. Zunächst wurde das von der Aktion Mensch bezuschusste Projekt vom Gehörlosenverband Hamburg MOGIS vorgestellt. In diesem Projekt, Modellversuch Gebärdensprachübungen in Schulen und Kindergärten, wurden Informationsveranstaltungen gehörloser Eltern in Schulen und Kindergärten durchgeführt, in denen ihre hörenden Kinder betreut wurden. Ebenso wurden Kurse mit mehreren Übungseinheiten für Vorschulkinder in Kindertagesstätten wie für Schulkinder in der Grundschule veranstaltet. Die Informationsveranstaltungen wie die Kurse waren äußerst erfolgreich. Vorurteile über Gebärdensprache und daraus resultierende Kommunikationsbarrieren konnten abgebaut werden. Die gehörlosen Eltern hörender Kinder fanden im Sozialraum Schule und Kindergarten die Kontakte für wechselseitigen Erfahrungsaustausch. Spiel- und Klassengefährten ihrer Kinder verloren jede Scheu, Familien, in denen mit Gebärdensprache kommuniziert wird, aufzusuchen. Die
Gebärdensprache und Lautsprache beherrschenden Kinder, sogenannte CODA (Children of Deaf Adults) – Kinder, fanden Zuspruch und Beachtung hinsichtlich ihres Könnens. In den Kursen machten die Vorschul- und Grundschulkinder bei den Gebärdensprachübungen begeistert mit. Sie fanden es überraschend und interessant, dass man sich mit den Händen unterhalten kann. Es weckte ihre Neugier und war deutlich eine Herausforderung, etwas zu können, was andere nicht können. Vor allem Gebärden, die den Gesten bei spontanen Äußerungen ähneln, wurden schnell erlernt, ebenso Gebärden, die Gegenstände und Tätigkeiten oder eine Alltagssituation beschreiben. Die Beobachtungen im Projekt MOGIS belegen die Ergebnisse verschiedener wissenschaftlicher Studien, dass Übungen in Gebärdenssprache geeignet sind, die kognitive Entwicklung von Kindern allgemein zu fördern, da sie unbewusst die dreidimensionale Gebärdensprache mit der eindimensionalen Lautsprache vergleichen und dabei Verständnis für die Musterbildung hinsichtlich Satzaufbau und Bedeutungszusammenhängen gewinnen. Im Projekt MOGIS werden eine Broschüre und Gebärdensprachfilme für Kurse erarbeitet, so dass nach Abschluss des Projekts im Herbst 2012 diese Materialien für Informationsveranstaltungen gehörloser Eltern und für Kurse genutzt werden können. Es wurden drei Möglichkeiten für Informationsveranstaltungen und Kurse vorgestellt. Beim ersten Modell führen die gehörlosen Eltern mit Dozentenausbildung den Kurs selbständig durch. Beim zweiten Modell werden die gehörlosen Eltern von einem gehörlosen Gebärdensprach-dozenten unterstützt. Beim dritten Modell übernimmt der gehörlose Gebärdensprachdozent den kompletten Kurs und beteiligt die gehörlosen Eltern an der Einführung. Bei allen drei Modellen sind Gebärdensprachdolmetschereinsätze erforderlich. Damit dies nachhaltig gelingt, wurde der Verein „Projekt Gebärdensprache“ (ProGs e.V.) gegründet.
Nach der Vorstellung des Projekts MOGIS wurden von Seiten der Universität Hamburg Befunde aus anderen Projekten mit Gebärdensprachübungen dargestellt. Dazu gehören die Ergebnisse einer in Italien durchgeführten Studie, bei der in einer Grundschule zwei Gruppen zwei Jahre lang beobachtet wurden. Eine Gruppe unterhielt sich nur mit der Lautsprache, eine zweite mit der Lautsprache und der Gebärdensprache. Diese zweite Gruppe hatte nach zwei Jahren deutlich größere Kompetenzen erworben, im Umgang miteinander und in der Fähigkeit, Zusammenhänge wie Raumverhältnisse darzustellen und zu erörtern. Darüber hinaus zeigte sich, dass die Gedächtnisleistung und Reaktionszeit gegenüber der anderen Gruppe wesentlich höher lag. In einem Projekt der Universität zur Sensibilisierung und Bewusstseinbildung an einer Schule wurden Schulkinder innerhalb von drei Veranstaltungen über den Alltag gehörloser Menschen, die Gebärdensprachkultur und im Rahmen von Kommunikationsspielen auch über Gebärden informiert. In der letzten Veranstaltung stellte sich auch ein gehörloser Teilnehmer vor. Das Projekt zeigt, dass für ein Verständnis von Gehörlosenkultur und Gebärdensprache eine offene wechselseitige Kommunikation erforderlich ist. Vorurteile und Missverständnisse gegenüber der Gebärdensprache und – kultur wie gegenüber gehörlosen Menschen waren jedenfalls am Ende der letzten Veranstaltung aufgelöst. Dieser Befund gilt auch für Informationsveranstaltungen, wie sie im Rahmen einer Frühförderung hörender Kinder gehörloser Eltern in Kindergärten durchgeführt werden. Neben den Beobachtungen im Projekt MOGIS gibt es somit zahlreiche Befunde, die belegen, dass Informationsveranstaltungen über Gebärdenkultur Kommunikationshemmnisse zwischen Gehörlosen und Hörenden abbauen können und das gleichzeitige Üben in Lautsprache und Gebärdensprache die Lernfähigkeit für Spracherwerb und Sprachgebrauch erhöht. Beide Kulturen, die Lautsprachekultur wie die Gebärdensprachekultur, können sich durch wechselseitigen Austausch fördern und gegenseitig bereichern. Das ist wahre Inklusion, wie sie die Menschenrechtskonvention als Zielvorstellung beinhaltet. Nicht zuletzt kann auch aus diesen Gründen die Gebärdensprache in den USA an Schulen wie andere Fremdsprachen erlernt werden.
Im abschließenden Themenbereich der Fachkonferenz wurde versucht, aus den Ergebnissen von MOGIS und anderen Studien eine Perspektive für die Zukunft zu entwickeln. Die Vertreter der Behörden BSB und BASFI sowie die Gleichstellungsbeauftragte des Senats sprachen sich dafür aus, möglichst umgehend die Bedingungen dafür zu klären, wie Gebärdensprachübungen in Schulen und Kindergärten als Lernprogramm verankert werden können. MOGIS ist hier ein Türöffner in die richtige Richtung. Insgesamt gesehen geht es darum, mehr als bisher die Durchführung von Gebärdensprachübungen zu fördern, zu allererst für CODA – Kinder, also für die Kinder, die bilingual aufwachsen, mit den Eltern mittels Gebärden kommunizieren und in ihren jeweiligen Sozialräumen Kindergarten und Schule in der Lautsprache. Ebenso erscheint es sinnvoll, dass schwerhörigen Kindern die Gebärdensprache vermittelt wird, um ihre Bewusstseinsbildung zu fördern. Gebärdensprache als Schulfach, wie es gegenwärtig in den Bundesländern Berlin und Brandenburg versucht wird, bedarf vorab einer Klärung, wie die pädagogischen Standards für Schulfächer eingehalten werden können. Von allen Seiten wurde betont, dass es nun darauf ankommt, ein Konzept zu entwickeln, in welchen Schritten vorangegangen werden soll, um die Voraussetzungen im Hinblick auf Gebärdensprachübungen für CODA –Kinder, für schwerhörige Kinder und schließlich für hörende Kinder allgemein zu schaffen. Eltern von CODA-Kindern wurden ermutigt, von ProGs unterstützt, in Schulen und Kindergärten Informationsveranstaltungen und Kurse durchzuführen. Es wurde von mehreren Seiten angeregt, in dieser Hinsicht einen runden Tisch einzurichten, der diese Voraussetzungen erörtert und eine konzeptionelle wie finanzielle Unterstützung für Gebärdenübungen in die Wege leitet. Hamburg bietet hier die grundlegenden Voraussetzungen. Die Gebärdensprache wird an der Universität gelehrt, die Gehörlosenkultur ist überaus stark vernetzt und durch ihren Verband überaus aktiv, es gibt viele Träger, die sich beteiligen, und Inklusion ist ein Bestandteil des Bildungskonzepts des Senats. Der Gehörlosenverband Hamburg bietet seine Plattform für ein Netzwerk von Interessenten an.

Text: Helmuth Rose